MAERZ Bildende Kunst:

tourismen

Ausstellungseröffnung: Dienstag, 24. April 2012, 19.30 Uhr
Künstler/-innen: Mirjam Dröge (DE), Gerlinde Miesenböck (AT), Reiner Riedler (AT), Katharina Struber (AT), Peter Szabo (HU), Corinne Vionnet (CH)

Ausstellungsdauer: 25. April - 1. Juni 2012

 

Ein Projekt von Gerlinde Miesenböck

 

Innerhalb der Ausstellung "tourismen"  werden sechs unterschiedliche, vornehmlich fotografische Positionen präsentiert, die die Bedeutung von urbanen Monumenten und deren Wahrnehmungs- und Darstellungsweisen innerhalb der touristischen Praxis des Sigthseeings reflektieren oder brechen. Oder in anderen Worten: Es geht um besondere Städte-Reise-Fotos.

 

Einerseits wurde nach Werken gesucht, die sich mit visueller Repräsentation sowohl in öffentlich-medialen Reisebildern als auch privaten touristischen Urlaubsfotos auseinandersetzen. Andererseits wird exemplarisch ein wesentlicher Gegenstand der touristischen Bildproduktion untersucht: das Monument, urbane europäische Sehenswürdigkeiten. Sie werden vielfach besucht und fotografiert; sie werden für den Betrachter inszeniert; bevorzugte Ansichtspunkte werden angelegt und kontrolliert. Manche Orte scheinen sich symbolisch zu multiplizieren, andere dagegen bemühen sich um ihre Wahrnehmung. Aufmerksamkeit wird verteilt. Ikonen werden konstruiert.

 

https://www.facebook.com/events/367982373243827/

Mirjam Dröge: How to remember (2012)

Mirjam Dröge

 

Die Arbeit "How to Remember" zeigt eine Sammlung von Fotografien Berliner Denkmäler zur Ehrung des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus.

Die Frage "Wie erinnern wir?" stellt sich die Künstlerin seit langem: Es ist die Frage nach Haltung, nach einem Verantwortungsgefühl, nach einem gemeinschaftlichen Interesse und nach der eigenen Familiengeschichte.

"How to Remember" ist ein Streifzug durch die Stadt Berlin und ihre Nachkriegsgeschichte: von ihrer Teilung bis zum heutigen Tag. Der Charakter ihrer Denkmäler, unserer Denkmäler, erzählt die Schicksale von Menschen und ihren Taten - obendrein spiegeln sie die politische Ausrichtung zur Zeit ihrer Entstehung. Die Spuren der Teilung Berlins sind bis heute an ihnen ablesbar.

 

Eine Stadt durch ihre Denkmäler zu begreifen lässt sie uns auf eine Art erleben, welche im ersten Moment recht gewöhnlich erscheint. Was auf den Fotografien zu sehen ist, sind nicht die erwarteten Sehenswürdigkeiten, die man mit einer Stadt wie Berlin assoziiert. Vielmehr sind es stille Orte ohne erhobenen Zeigefinger.

Passiert man sie, wirken sie nicht aufdringlich - sie sind da, sind Teil des Straßenbildes, sind dort fest verankert.

Denkmäler haben eine Funktion, sie bewegen sich nicht, wir bewegen uns um sie.

 

 

Gerlinde Miesenböck: new attraction (2011)

Gerlinde Miesenböck

 

"New attraction" ist ein Projekt innerhalb eines Werkzyklus über touristisches Reisen und touristische Bildproduktion im urbanen Kontext. Gerlinde Miesenböck geht mithilfe verschiedener fotografischer Methoden der Imageproduktion eines Ortes und ihrer Wirkung auf die Praxis des Bildermachens der Reisenden nach. Dazu gibt es Werkreihen, die mit (Re-)Inszenierung, narrativen Sequenzen und technischer Manipulation des Apparates arbeiten.

 

"New attraction" zeigt, wie eine sich im Entstehen befindliche Attraktion für den BesucherInnenblick inszeniert und ihr Image kontrolliert wird: 2012 finden in London die Olympischen Sommerspiele statt, für die ein ganzer Stadtteil auf einem ehemaligen Industrieareal erneuert wird. Öffentlichkeitswirksam wurden ein Gehweg und ein Aussichtsturm mit Blick auf das Stadion und eine Skulptur des Künstlers Anish Kapoor errichtet. Während sich hier das Areal gefällig vor dem Auge ausbreitet, ist der Rest der Baustelle von allen Seiten - teilweise auch blickdicht - mit Zäunen und Stacheldraht abgeriegelt. Es ist unmöglich, eine Fotografiererlaubnis zu bekommen und selbst Amateurfotografen berichten von Konflikten mit dem Wachpersonal, wenn sie von außen von anderer Stelle ein Foto machten.

Hier soll über eine Politik des Zeigens und Verhinderns von Bildern reflektiert werden.

 

 

Reiner Riedler: Fake Holidays (2009)

Reiner Riedler

 

Wo Wünsche außer Reichweite sind, erobert die Simulation unsere Freizeit und unseren Urlaub. Scheinwelten entstehen, oft unter großem technischen Aufwand, die uns Erlebnisse als eine reproduzierbare Ware anbieten. (...) 

Schifahren samt Hüttengaudi in Dubai, singende Gondolieri vor einer Imitation des Campanile in Las Vegas, ein Indoor-Südseestrand im "Tropical Islands" bei Berlin - immer vielfältiger wird das Angebot an künstlichen Attraktionen, an "Kulissen des Glücks".

Die Simulation spielt dabei eine zentrale Rolle: Durch sie entsteht jener emotionale Zusatznutzen, der die Erlebnisse auf eine höhere Stufe stellt. (...) 

 

Obwohl Authentizität und Echtheit allgemein als wertvoll gelten, nehmen die künstlichen Attraktionen den traditionellen Reisezielen bereits spürbar die Kundschaft weg. Eurodisney hat pro Jahr mehr Besucher als Schweden, Dänemark und Norwegen zusammen.

 

Längst erforschen Sozialpsychologen und Tourismusforscher, wie Erlebnisse zur Ware werden, und untersuchen kritisch deren Qualität. (...) 

Gerne argumentieren Betreiber, dass ihre künstlichen Welten in gewissen Punkten das Original übertreffen.  Schneesicherheit im Sommer, ein beheizter Sandstrand im Winter, dabei weder Lawinen noch Malaria, ganz zu schweigen von den kurzen Anfahrtszeiten. (...)

Angebot und Akzeptanz "künstlicher" Erlebnisse nehmen zu, kommende Entwicklungen werden die Eindrücke noch realistischer machen. Mag sein, dass der Umgang mit ihnen noch sicherer werden sollte, dass sich ihr Stellenwert noch einpendeln muss. Doch Simulationen werden zunehmend zu einem Bestandteil unseres Lebens, werden es ergänzen - und hoffentlich nicht ersetzen.

(Jens Lindworsky)

  

 

Katharina Struber: 2450 Frames Forum Romanum (Aus der Serie: Picture the Multitude) (2008)

Katharina Struber

 

Die konzeptionellen Arbeiten Katharina Strubers gehen dem Verhältnis zwischen Individuum und Masse und Architektur nach. "2450 Frames Forum Romanum" ist eine von bisher 13 digitalen Großbelichtungen, deren Ausgangsmaterial Videoaufnahmen entnommen ist, die bestimmte Orte einem vordefinierten Raster folgend abtasten.

 

Die Arbeit zeigt einen Ort, der am Beginn der Geschichte öffentlicher Versammlungsräume steht, der sich vom gemeinsam genutzten Marktplatz zu einem Ort der Machtrepräsentation entwickelte.

 

Bis heute beherbergt dieser Ort ein reges öffentliches Leben. Der zwischen den antiken Fragmenten pilgernde Menschenstrom, tausende Romtouristen, fotografieren sich selbst und die Reste der Architektur.

 

Durch die zeitversetzte Aufnahme und Montagetechnik bestimmen Bruchlinien und Verschiebungen den Charakter des Bildes, das aus 2450 über mehrere Stunden aufgenommen Filmstills zusammengefügt wurde.

 

Der Gesamteindruck von "2450 Frames Forum Romanum" ist schwer zu fassen, das Bild schwirrt, zwischen Schärfe und Unschärfe, fotorealistischer und malerischer Abbildung. Irgendetwas stimmt nicht: mit der Perspektive, der Farbigkeit, dem Schattenwurf und den abgebildeten Menschen. Es wirkt, als hätte die Zeit an den Körpern der Menschen ähnliche Spuren hinterlassen wie am Material der Gebäude. Durch das gewählte Format wird die Monumentalität der Gebäude im Verhältnis zu den Betrachtenden sichtbar, insgesamt kippt der Eindruck und lässt die Kontinuität der Repräsentationsmacht des Ortes changieren.

 

 

Peter Szabo: BACKGROUND. Have you ever been to Budapest? (2006-2011)

Peter Szabo

 

In seinem Foto- und Videoprojekt "BACKGROUND. Have you ever been to Budapest?" zeigt Peter Szabo Menschen aus Ungarn, die noch nie in ihrer Hauptstadt Budapest waren, vor der Kulisse berühmter Monumente dieser Stadt (Kettenbrücke, Budapester Burg).


Szabo konfrontiert die Betrachter dabei mit einem Schauspiel, vor dem sich diese aber nicht in Bewunderung auflösen und dessen Zauber sie nicht verfallen. Sie sollen einen Schritt zurücktreten, während sie sich unbekannten Menschen vor einem unbewegten, statischen Hintergrund gegenübersehen. Nur die Personen, die ihr Gesicht und ihre Persönlichkeit der Kamera zur Verfügung stellen, sind jeweils andere. Sie werden uns durch Enthüllung und Veröffentlichung durch den fotografischen Apparat vergegenwärtigt


Das Symbol der Hauptstadt symbolisiert Probleme und dient als Hintergrund für Szabos akribische Recherche, für die der Künstler nicht nur einfach Menschen um Hilfe vor der Kamera gebeten hat. Er setzt sich dabei auch mit über eineinhalb Jahrhunderte entstandenen Bedeutungen höchst unterschiedlicher fotografischer Traditionen und damit einhergehenden Strategien der Bildproduktion auseinander.

 

Corinne Vionnet: Roma (Aus der Serie: Photo Opportunities) (2007)

Corinne Vionnet

 

Wir reisen, wir besichtigen Denkmäler, wir machen Fotos. Durch das Fotografieren von massentouristischen Sehenswürdigkeiten erzeugen wir fotografische Souvenirs, die ihrerseits wesentlich für die touristische Erfahrung sind. Indem Vionnet im Internet auf Foto-Websites mithilfe von Schlüsselwörtern gezielt nach berühmten Denkmälern und Sehenswürdigkeiten suchte, sammelte sie tausende von touristischen Schnappschüssen für ihre Serie "Photo Opportunities". Durch die Verknüpfung dieser zahlreichen fotografischen Perspektiven und Erfahrungen schuf die Künstlerin ihre eigenen impressionistischen Interpretationen - ätherische Strukturen, die sanft wie ein imaginärer Dunstschleier am blauen Himmel schweben.

 

 

 

Kurzbiografien

 

Mirjam Dröge, geb. 1978 in Eppingen (Baden Württemberg), lebt und arbeitet in Berlin. 2003 Studium an der School of Art in Glasgow, 2007-2010 Meisterschülerstudium an der Hochschule für Grafik & Buchkunst Leipzig. 2012 Gründung von "CATCH BERLIN!" (Stadtführungen und Erlebnistouren).

 

Gerlinde Miesenböck, geb.1978, lebt und arbeitet in Wels und Linz. Studium an der Manchester Metropolitan University und an den Kunstuniversitäten Linz und Lappland/FI. Miesenböck arbeitet in erster Linie fotografisch über Beziehungen zu Orten sowohl in der Fremde aus auch im Daheim und interessiert sich besonders für die Konstruktion etablierter Sehweisen.

 

Reiner Riedler, geb. in Gmunden, lebt und arbeitet in Wien. Der Dokumentarfotograf Reiner Riedler beschäftigt sich mit dem Menschen und seiner Umgebung. Die Infragestellung unseres Wertesystems ist das zentrale Thema seiner dokumentarischen Arbeit. Als Reisender begibt er sich an die Peripherien unserer Lebensräume - immer auf der Suche nach der zerbrechlichen Schönheit menschlichen Seins mit seinen Sehnsüchten und Abgründen.

 

Katharina Struber lebt und arbeitet in Wien. Strubers Arbeitsschwerpunkt ist die Auseinandersetzung mit dem urbanen, öffentlichen Raum. Permanente und temporäre architekturbezogene Arbeiten zählen ebenso zum Arbeitsfeld wie Raum- und Videoinstallationen.

 

Peter Szabo, lebt und arbeitet in Budapest. Er studierte Fotografie an der Moholy-Nagy University of Art and Design in Budapest und Bildende Kunstfotografie an der Glasgow School of Art. Seine fotografischen Projekte haben einen sozialen Fokus und beschäftigen sich mit den Möglichkeiten dokumentarischer Fotografie und theoretischen Fragen visueller Kommunikation.

 

Corinne Vionnet, lebt und arbeitet in Vevey, Schweiz. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen topografische Themen, wie z.B. die soziale Interaktion zwischen Natur und Mensch. Zahlreiche nationale und internationale Ausstellungen. 2010 von "Photolucida's Critical Mass"gewählt unter die Top 50 Fotograf/inn/en der Welt.