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ABSTRACT ENTITIES

7. November 2023 @ 08:00 - 24. November 2023 @ 18:00

Miriam Hamann und Petra Gell

Neonlicht-Installation und Malerei

Eröffnung am Dienstag, 7. November 2023, 19 Uhr

Begrüßung: Otto Hainzl (MAERZ)
Zur Ausstellung spricht: Simone Barlian

DorfTV-Beitrag zur Ausstellung: https://dorftv.at/video/43504

 

 

KATJA STECHER zu “ABSTRACT ENTITIES”

In Daniel Kehlmanns Roman Die Vermessung der Welt behauptet der Naturforscher Alexander von Humboldt, dass es überall Linien gebe: „Sie seien eine Abstraktion. Wo Raum an sich sei, seien Linien.“(1) Demzufolge lässt sich der uns umgebende physische Raum nicht nur abstecken, vermessen und aufteilen (2), sondern in Form von Punkten und Geraden in ein dreidimensionales mathematisches Gebilde übertragen. Diese bis ins ausgehende 18. Jahrhundert weit verbreitete These beruht auf den Errungenschaften des antiken Gelehrten Euklid. Als Verfasser der Elemente legte er mit dieser dreizehnbändigen Abhandlung die Grundlagen der Geometrie fest – und prägte damit das westliche Denken ebenso maßgeblich, wie unser Verständnis von der Natur und ihrer Abbildbarkeit. Basierend auf dem euklidischen Raum wurde in der Malerei der Renaissance mit der Zentralperspektive eine Methode konstruiert, um auf einer zweidimensionalen Fläche die Illusion eines Tiefenraumes zu erzeugen. Dabei konnten mithilfe eines Rasters Verkürzungen und Perspektiven detailgetreu aus der Realität auf die Leinwand übertragen werden. Im Barock täuschten schließlich raffiniert gemalte Fresken ein Kuppelgewölbe oder die Existenz baulicher Elemente wie Säulen, Balustraden und Fassadengliederungen im Raum vor.

Verbindungen zu Euklids klar definierten Gesetzen der Mathematik und der Geometrie finden sich auch in den neuen Arbeiten von Miriam Hamann. Ihre künstlerische Praxis ist gekennzeichnet von einer konsequenten Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Prinzipien und den damit verbundenen Ordnungssystemen. Deren Gültigkeit wird in ihren reduzierten, exakt ausgeführten Skulpturen und raumgreifenden Installationen jedoch regelmäßig zur Disposition gestellt. Hamann zweifelt die konventionelle Einordnung der Realität an und bewegt sich in ihrer Kunst außerhalb allgemeiner Vereinbarungen. Auf diese Weise gelingt es ihr immer wieder, unsere Wahrnehmung herauszufordern und uns durch ihre ästhetischen Verweise in Staunen zu versetzen. In der Galerie MAERZ macht die Künstlerin nun die euklidische Geometrie erfahr- und erlebbar, indem sie den Prozess der Abstraktion des Raumes umkehrt: Sie übersetzt die Linien und Kreise auf Papier in dreidimensionale Objekte – die Zeichnung wird Skulptur. Die mehrteiligen Lineaturen aus Neonlicht schweben im Raum, besetzen ihn und erschließen sein Volumen. And the point is called the center of the circle sind sinnlich wahrnehmbare Entitäten und Idee zugleich. In ihnen fallen Materie und Nichtmaterie zusammen, werden eins, lösen sich auf. Als Sinnbilder anderer Wissensformen schaffen sie neue Wirklichkeiten und brechen so tradierte Denkmuster von Raum und Ordnung auf.

Neue Perspektiven auf den Raum und seine sozio-kulturellen Funktionen eröffnet auch Petra Gell mit drei großformatigen Arbeiten. Als Ausgangspunkt für ihre malerischen Kompositionen verwendet die Künstlerin zumeist konkrete Architekturelemente, die sie zerlegt, abstrahiert und auf der Leinwand als monochrome, in zarten Pastelltönen gehaltene Farbflächen und linienbasierte Formen miteinander kombiniert. Diesen experimentellen und intuitiven Prozess der Neuordnung baulicher Elemente überführt sie schließlich wieder in den physischen Raum, indem sie eine auf den jeweiligen Ort spezifisch abgestimmte Partitur entwickelt. In der Galerie MAERZ installiert Gell ihre drei Meter hohen und drei Meter breiten Gemälde nun ungerahmt und frei im Raum hängend – sie sind als Bilder wie auch als Skulpturen lesbar. Die quer zur rechtwinkligen Architektur positionierten Werke greifen in den Ausstellungsraum ein, strukturieren ihn und beeinflussen unser Blickregime, da sie uns einen Gesamtüberblick verwehren. Insofern lassen sich die Leinwände auch als Vorhänge interpretieren, die den öffentlichen vom privaten Raum trennen und Orte des Rückzugs, der Stille und des Alleinseins schaffen. Als Besucher*innen werden wir Teil dieses künstlerischen Raumgefüges und folgen seiner szenischen Dramaturgie wie in einem performativen Akt, der uns stets eine neue Standortbestimmung abverlangt.

Miriam Hamann und Petra Gell entfalten in der Ausstellung ABSTRACT ENTITIES einen Dialog, der kontinuierlich um die Frage kreist: Was wäre wenn, und warum ist es so, wie es ist? Ihre Praxen sind geprägt von einem steten Bedürfnis nach präzisen Setzungen, nach möglichst unideologischen Analysen des (öffentlichen) Raums und den darin wirksamen gesellschaftlichen Konventionen. Wie Kunst diesen Raum erfassen, wie sie auf ihn einwirken kann, beschäftigt beide gleichermaßen – ob sie sich naturwissenschaftlichen Phänomenen zuwenden oder konkrete Orte aufgreifen. Der Ausstellungsraum wird zur Modellsituation, in der die rationale Auseinandersetzung auf die physische Erfahrung in der unmittelbaren Begegnung mit ihren Arbeiten trifft. Ihre Welt ist nicht monolithisch, sie zerfällt und verändert sich.

Katja Stecher

(1) Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, Reineck bei Hamburg 2005, S. 115.
(2) Auf diesem Weltbild fußt auch der europäische Kolonialismus. Als eines von zahlreichen Beispielen soll hier auf die 1884 in Berlin stattfindende „Kongokonferenz“ verwiesen werden, im Zuge derer der afrikanische Kontinent unter Frankreich, Großbritannien, den Vereinigten Staaten, Portugal, Österreich-Ungarn, Belgien, Dänemark, Spanien, Italien, den Niederlanden, Russland, Schweden und der Türkei aufgeteilt wurde. Die Vertreter dieser Länder verhandelten über noch unbekannte Gebiete, sie betrieben Geografie und zeichneten Linien in Landschaften aus Papier, wo zuvor keine waren. Siehe: Eric Vuillard, Kongo, Berlin 2015.

Details

Beginn:
7. November 2023 @ 08:00
Ende:
24. November 2023 @ 18:00
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