Foto aus Nel Gasometro von Sara Ventroni
MAERZ Literatur:

"Kein Sprung ins Dickicht dringt, kein Huf hinaus" - Zu Landschaft und Literatur

Ein zweitägiger Veranstaltungsblock Donnerstag, 19. Mai 2016, 19:00 Uhr; und Freitag, 20. Mai 2016, 15:00 Uhr und 19:00 Uhr
mit: Zsusannah Gahse (Müllheim/Thurgau), Martina Hefter (Leipzig), Steffen Popp (Berlin), Stefan Ripplinger (Berlin), Hans Thill (Heidelberg), Sara Ventroni (Rom; Übers. Julia Dengg) und Christoph Wenzel (Aachen)

 

 

„KEIN SPRUNG INS DICKICHT DRINGT, KEIN HUF HINAUS“ – Unter diesem Titel (Zitat Steffen Popp) werden mehrere an das Thema „Landschaft und Literatur“ anschließbare Positionen an zwei literarischen Abenden präsentiert. Ganz nach MAERZ-Diktion sind die Veranstaltungen überregional besetzt, und eine anregende Begegnung mit mehreren aktuellen Positionen von andernorts soll ebenso geboten werden wie ein Diskurs über eine von Florian Huber geleitete nachmittägliche Gesprächsrunde.

  

DONNERSTAG, 19. Mai 2016 

(19:00 Uhr!) 

Lesungen: Christoph Wenzel (Aachen) und  

Zsuzsanna Gahse (Müllheim/Thurgau) 

(20:15)

Vortrag von Stefan Ripplinger (Berlin) zu

Christian Enzensbergers Nicht Eins und Doch 

(Lesung der Enzensberger-Zitate: Christian Steinbacher)

 

 

FREITAG, 20. Mai 2016

(15:00 Uhr)

Offenes Gespräch zum Thema,

Gesprächsleitung: Florian Huber

 

(19:00 Uhr!)

Lesungen: Steffen Popp (Berlin) und

Martina Hefter (Leipzig)

(20:15 Uhr)

Lesungen: Hans Thill (Heidelberg) und

Sara Ventroni (Rom), Übersetzung: Julia Dengg (Wien)

 

Vor manchen Lesungsblöcken eingespielt werden

Auszüge aus einer Kaktus-Performance von

Christoph Rütimann (Müllheim, TG)

 

Veranstaltungskonzept und Moderation:

Florian Huber/Christian Steinbacher 

Zum Programmablauf:

 

Als „eine Art von Augenschließen, als Abgesang auf eine Landschaft, die verschwunden ist“ wird Christoph Wenzels aktueller Gedichtband lidschlag angekündigt: Die Fährten  Tschernobyler Wolfsrudel stehen ebenso im Visier des jungen Poeten wie die Geisterdörfer des Rheinischen Braunkohlereviers. || Unter Heranziehung eines konkreten Thurgauer Schutzgebiets als Vorlage entwirft Zsuzsanna Gahse über die Wiedergabe der Tonaufnahmen ihrer Bewohner das Modell einer sich dort mehr und mehr ausbreitenden fiktiven „Hochstadt“. || Stefan Ripplinger übermittelt seine Lektüre von Christian Enzensbergers Buch Nicht Eins und Doch: Steine sprechen in diesen Aufzeichnungen eines Naturgängers, und zwar in einer Sprache, die von diesem nicht nur gehört und übersetzt, sondern in ihrer spezifischen Weise als Sprache eines archaischen „Wir“ zu verstehen versucht wird. || Steffen Popp stellt den kulturgeschichtlichen Landschaftsaufnahmen seiner eigenen Lyrik die poetisch-zeichnerischen Notate von Joseph Beuys gegenüber, die er als „Ansätze zu Sternkarten für einen irdischen Gebrauch“ charakterisiert. || Die vergangenen und gegenwärtigen Verwendungsweisen poetischer Sprachen thematisiert auch Martina Hefter, die in ihrer Dichtung Räume und Gesten, innere und äußere Landschaften des Subjekts skizziert. || Hans Thill bündelt in Das Buch der Dörfer, das Schilda ebenso anspielt wie ferne Plantagen, Abfolgen imaginärer Dörfer, die als „ärgerlich“, „heiter“, „mangelhaft“, „unsichtbar“, „ständig“ usw. gefasst werden. || Sara Ventroni umkreist den auch als „Relikt der Moderne“ fassbaren „Gasometer“ und seine durchlässige Form in ihren betreffenden Arbeiten auf diverse Weise vom Essay bis zum Storyboard: Im Zentrum der Lesung stehen die Gedichte, deren Rhythmus mit Blick auf die Konstruktion des Gasometers entwickelt wurde.

Eine Veranstaltung der MAERZ – mit Dank an BKA-Kunst, Land OÖ, Stadt Linz, GAV und Schweizer Kulturstiftung PRO HELVETIA 

(Die organisatorische Abwicklung erfolgt im Nachfeld zu der ehemaligen Veranstaltungsreihe „linzer notate“) 

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Zu den Autor/innen: 

Zsuzsanna Gahse, * 1946 in Budapest, aufgewachsen in Wien und Kassel, lebt nach längeren Aufenthalten in Stuttgart und Luzern seit 1998 in Müllheim im Thurgau. Für ihr Werk erhielt die Schriftstellerin, die auch aus dem Ungarischen übersetzt, u. a. den Adelbert-von-Chamisso-Preis. Buchpublikationen seit 1983, seit 2004 in der Edition Korrespondenzen, darunter auch Landschaftsporträts (so das Porträt eines Durchzugsorts in durch und durch, 2004, oder das des Lichts am Zuger See in Instabile Texte, 2005). In ihrem aktuellen Band JAN, JANKA, SARA und ich (2015) gibt die schon mehrmals in der MAERZ zu Gast gewesene Autorin den Entwurf einer gedachten Neu-Stadt. 

Martina Hefter, * 1965 in Pfronten/Allgäu, ist Dichterin, Tänzerin und Performancekünstlerin und lebt in Leipzig. Sie veröffentlichte bei kookbooks die Gedichtbände Nach den Diskotheken (2010) und Vom Gehen und Stehen. Ein Handbuch (2013) sowie den Essay Tanzen im Verlagshaus Berlin (2014). Ihre Prosa erschien im Verlag Alexander Fest und bei Wallstein, zuletzt 2008 der Roman Die Küsten der Berge. Martina Hefter ist Mitglied der 2015 gegründeten Performancegruppe „Kollektiv ♠ 7“ in Leipzig. Ihr dritter Gedichtband Ungeheuer. Stücke wird im Frühjahr 2016 bei kookbooks publiziert. 

Steffen Popp, * 1978 in Greifswald, lebt in Berlin. Er veröffentlichte bei kookbooks die Gedichtbände Wie Alpen (2004), Kolonie Zur Sonne (2008) und Dickicht mit Reden und Augen (2013) sowie den Roman Ohrenberg oder der Weg dorthin (2006), der für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Darüber hinaus ist er Übersetzer des US-amerikanischen Lyrikers Christian Hawkey, Initiator und Mitherausgeber der kollaborativen Poetik Helm aus Phlox. Zur Theorie des schlechtesten Werkzeugs im Merve Verlag (2011) und Mitherausgeber des Sammelbands Poesie und Begriff bei Diaphanes (2014). Herausgabe von Joseph Beuys’ Mysterien für alle. Kleine Aufzeichnungen in der Bibliothek Suhrkamp 2015. 

Stefan Ripplinger, * 1962 in St. Ingbert (Saar), lebt in Berlin und arbeitet als Journalist, Herausgeber und Übersetzer für Zeitschriften wie Schreibheft und konkret sowie für Die Andere Bibliothek, wo 2013 Christian Enzensbergers Nicht Eins und Doch mit einer Hinführung von Stefan Ripplinger erschien. Mehrere Publikationen zu Kunst und Literatur, u. a. Auch. Aufsätze zur Literatur (2006), Bildzweifel (2011), Mary Pickfords Locken (Verbrecher Verlag, 2014) und zuletzt aktuell in der Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ bei Matthes & Seitz die Schrift Vergebliche Kunst.  

Hans Thill, * 1954 in Baden-Baden, lebt seit 1974 als Lyriker, Herausgeber und Übersetzer aus dem Französischen in Heidelberg; seit 2010 leitet er zudem das Künstlerhaus Edenkoben. Thill ist Mitbegründer des Verlags Das Wunderhorn sowie Leiter der jährlichen Übersetzer-Werkstatt „Poesie der Nachbarn. Dichter übersetzen Dichter“ und Herausgeber der gleichnamigen Reihe. Für sein poetisches Werk erhielt er u.a. den Peter-Huchel-Preis. Zuletzt erschien 2015 der Gedichtband Ratgeber für Zeugleute bei Brueterich Press und zuvor der Prosaband Das Buch der Dörfer bei Matthes & Seitz.

Sara Ventroni, * 1974, lebt als Autorin und Mitarbeiterin der „Gramsci Institute Foundation“ in Rom. Sie ist Mitbegründerin der Frauenbewegung Se non ora quando? und arbeitete bei der Zeitung L’Unità. Seit 2004 publizierte sie ein Theaterstück, Kurzgeschichten und Gedichte. Für ihren von der Kritik begeistert aufgenommenen Band Nel Gasometro (2006) wurde sie 2007 mit dem „Premio Napoli“ ausgezeichnet. Auf Deutsch erschien soeben die von Julia Dengg übertragene Textsammlung Im Gasometer in der Edition Korrespondenzen.

Christoph Wenzel, * 1979 im Hamm (Westfalen), lebt als Autor, Herausgeber und Universitätsangestellter in Aachen, wo er die Literaturzeitschrift [SIC] mitherausgibt und mit Daniel Ketteler den [SIC]-Literaturverlag betreibt. Ausgezeichnet wurde seine dichterische Arbeit u. a. mit dem Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium 2013. Buchpublikationen erscheinen seit 2005, aktuell zuletzt 2015 erstmals in der Edition Korrespondenzen der Gedichtband lidschluss. 

Christian Enzensberger, Anglist, Übersetzer (insbesondere von Lewis Carroll) und Schriftsteller, * 1931 in Nürnberg, † 2009 in München, entwickelte mit Literatur und Interesse in den 1960er-Jahren eine marxistische Literaturtheorie. Als Schriftsteller trat er vor allem mit 3 Prosabänden hervor: Größerer Versuch über den Schmutz (1968), Was ist Was (1987) und das posthum veröffentlichte Fragment Nicht Eins und Doch, das 2013 bei Die Andere Bibliothek in Berlin erschien. 

Die Übersetzerin von Sara Ventronis „Gasometer“-Texten, Julia Dengg, 1986 in Steyr geboren, studierte in Wien, Genua und Tiflis und lebt derzeit in Wien. Für die Übersetzung von Orellis Un Giorni della vita erhielt sie 2015 den Förderpreis des Deutsch-Italienischen Übersetzerpreises.

Als Entrees zu den Leseblöcken werden Auszüge aus der Kaktus-Performance Das Spiel einiger Dornen in Ittingen von Christoph Rütimann, Jg. 1955, eingespielt, der mit Zsuzsanna Gahse im Thurgau lebt und als Bildender Künstler in den unterschiedlichsten Bereichen von Zeichnung oder Fotografie über Video und Installation bis hin zu Aktion und Performance arbeitet.

Das MAERZ-Mitglied Florian Huber, * 1981, Wissenschaftler, Autor, lebt derzeit in Lüneburg und Wien und leitet die nachmittägliche Gesprächsrunde.  

Das MAERZ-Mitglied Christian Steinbacher, * 1960, Autor und Kurator, lebt in Linz und trägt bei Ripplingers Lesung die Zitate aus dem Enzensberger-Text vor.