MAERZ Bildende Kunst:

Learning from Miroslav (keep it simple)

Ausstellungseröffnung: Dienstag, 28. August 2012, 19.30 Uhr
Künstler/-innen: Gelatin, Alexander Glandien, David Moises, Sandra Li Lian Obwegeser, Edith Payer, Claus Prokop, Leo Schatzl, Fabian Seiz

Ausstellungsdauer: 29. August - 28. September 2012

 

Konzept: Claus Prokop

 

Technologien, die vor gar nicht allzu langer Zeit noch als Neue Medien bezeichnet wurden, sind so selbstverständlich geworden wie ein Bleistift. Der technologische Fortschritt führt allerdings dazu, dass Kunst, die sich über den Einsatz neuester Technik definiert, binnen kürzester Zeit nur mehr aus einem historischen Blickwinkel heraus interessant ist. Zusätzlich bleibt der High-End-Bereich aus ökonomischen Gründen im Normalfall kommerziellen Anwendungen vorbehalten. Eine Reihe von Künstlerinnen und Künstlern begegnen dieser Entwicklung dadurch, dass sie, dem Grundsatz "keep it simple" folgend, mit dem arbeiten, was leicht verfügbar ist. Dies sind meist Teile von technischen Geräten, Möbeln, Textilien oder auch Haushaltsgegenständen, die ihren ursprünglichen Zweck nicht mehr erfüllen, weil sie entweder beschädigt oder auch nur unmodern wurden. Es geht nicht darum, diese Teile im Sinn eines objet trouvé zum Kunstwerk zu erklären, sondern sie als Ausgangsmaterial für Neues zu verwenden. Sie werden einem Transformations-Prozess unterworfen, mit einfach verfügbaren Alltagsmaterialien und technischen Bauteilen kombiniert und enden wieder als (Kunst-) Maschine, Möbel oder Stofftier. Durch die Verwandlung in ein Kunstobjekt wird nutzlos Gewordenem, das die Geschichte seiner ursprünglichen Verwendung in sich trägt, Wert und Würde zurückgegeben.

 

So unterschiedlich die Konzepte, Herangehensweisen und zentralen Aussagen der einzelnen Künstlerinnen und Künstler und ihrer Werke auch sein mögen, sind diese Gemeinsamkeiten dennoch immanent und äußern sich in einer Poetik und Ästhetik des Unperfekten.

 

Abseits des Kunstgeschehens sind Parallelen zu diesen Konzepten nach wie vor in der DIY Bewegung zu finden. Deren Intention ist weniger aus dem Mangel geboren als aus dem philosophischen Ansatz, ein Statement gegen die Überflussgesellschaft zu setzen. Und vor allem die Befriedigung des menschlichen Grundbedürfnisses nach Kreativität in ihrem ursprünglichen Sinn - etwas selbst zu erschaffen oder im Fall einer Reparatur wieder zu beleben. Bei uns ist es durch die stärkere Verbreitung leistbarer Konsumgüter seit Ende der 60er Jahre mehr und mehr unüblich geworden, Gebrauchsgegenstände aus dem, was leicht verfügbar ist, selbst herzustellen (außer man betrachtet diese Tätigkeit primär als Freizeitgestaltung). In wirtschaftlich schlechter entwickelten Regionen vor allem Afrikas und Asiens besteht diese Notwendigkeit nach wie vor, war jedoch auch in den kommunistisch regierten Ländern Europas bis zu deren Ende vorhanden. So wurde in der DDR die "Marke Eigenbau" von offizieller Seite durch Zeitschriften wie "Practic", Fernsehsendungen, aber auch die "Messe der Meister von morgen" gefördert.

 

Historisch gesehen war die Kultur des Selbermachens immer streng nach Geschlechtern getrennt, Technisches für Männer, Textiles für Frauen. Die Ausstellung versucht nicht, dieser Tatsache durch die Präsentation konträrer künstlerischer Positionen entgegenzutreten. Vielmehr soll genau dieser Geschlechter-Aspekt abgebildet werden. Gezeigt werden sechs Künstler, deren Arbeit durchaus als Technik-affin bezeichnet werden kann und zwei Künstlerinnen, die mit Textilem bzw. Küchenutensilien arbeiten.

 

Miroslav gibt es übrigens wirklich, er ist Universalhandwerker. Nach Entfernung der Fensterwand einer Veranda standen wir unter einem frei schwebenden Dach. Auf die Frage nach der weiteren Vorgehensweise und der Dimensionierung eines geeigneten Trägers kam ein lapidares: "Ich fahre einmal auf den Schrottplatz und schaue, was ich dort finde!" Das Dach hat den Schnee der letzten sechs Winter überlebt.

 

 

 

Gelatin: Hugo, Mixed Media (2011) © Galerie Meyer Kainer

Gelatin

 

Viele Stunden Hintern getragen haben die Stücke, aus denen sich die neuen Hinternträger zusammensetzen.

Unter seiner fast ebenen Fläche graben sich die Psycholinien des Stützapparates zum Boden hin.

Jeder hat einen anderen Gang, jeder ein anderes Gesicht. Der Arsch stützt das Gesicht und am Gesicht sitzt das Hirn.

Man kann komisch tragen, mit und ohne Würde, locker, effizient, steif, krankhaft, lachend, auch lächelnd, weinend, ächzend, bebend vielleicht, unsicher, tief fest, lapidar unverhaftet und unötig verknotet. 

Das Lochgesicht lächelt breit, bitte setz dich auf mich, never mind the bollocks.

(Gelatin)

 

 

 

 

 

Alexander Glandien: Firnis, Leuchtkasten, lichtdurchlässige Fotografie (2012)

Alexander Glandien

 

Die Installation "Firnis" widmet sich dem Verhältnis der Wirklichkeit zu ihrem reproduzierten Abbild. Den Ausgangspunkt bildet ein gebrauchter und ausrangierter Leuchtkasten. Statt einer plakativen oder informativen Botschaft beleuchtet dieser eine hochauflösende und lichtdurchlässige Fotografie der eigenen Innenansicht. Die Fotografie zeigt die verborgene Technik des Leuchtkastens - die Lampen, Reflexionsspiegel, Kabel und Starter - und legt sich dabei wie ein medialer Schleier über das eigentliche Objekt. Diese fotografische Oberfläche versperrt den Blick in das Innere und bildet ihn gleichzeitig ab.

 

 

 

 

 

 

 

 

David Moises: Bonanza (2001)

David Moises

 

 

Ein Bonanzarad, auch Highriser genannt, ist ein Kinder- und Jugendfahrrad, das einem normalen Fahrrad in beinahe allen Punkten unterlegen ist, aber durch die Details und Sitzhaltung wurde die Vorstellung erleichtert, auf einem Motorrad zu sitzen. Die Sehnsucht nach einem Motor war hier Teil der Konstruktion. In diesem Fall wurde eine sonst eher destruktiv konnotierte Motorsäge konstruktiv eingebaut und durch die Umleitung der Kettensägenkette auf das Hinterrad entsteht ein neues Gerät.

 

 

 

 

Sandra Li Lian Obwegeser: Schnelle Skulpturen (2012)

Sandra Li Lian Obwegeser

 

"Schnelle Skulpturen" sind schnell zu arrangierende, aus gebrauchter Tupperware und Plastik zusammengesetzte Objekte.

Gummibänder halten die einzelnen Komponenten zusammen.

Ein schneller Auf - und Abbau ist dadurch gegeben.

Für den Transport sind sie platzsparend ineinanderzuschachteln.

 

Alles kann passieren, wenn Dinge länger zusammen an einem Ort liegen und dann vielleicht zueinander finden ...

 

 

 

 

 

 

Edith Payer: Apokalypse Happy Now End 3 (2011)

Edith Payer

 

Herrenloses Material, Textilien und andere Fundstücke werden  aus der undifferenzierten Masse des Entbehrlichen enthoben und erhalten neben einer souveränen Stellung als Einzelobjekt auch eine wiedergefundene Lebendigkeit als künstlerische Arbeit. Die Umwidmung ihrer ursprünglichen Funktionalität  wird so zur Chance des Weiterbestehen-Könnens. Mit gleichbleibender Aufmerksamkeit navigiert der Blick durch die Welt zivilisatorischer Unbrauchbarkeiten, auf der Suche nach passenden Fundstücken, die mit dem eigenen Vokabular aus Erinnerung, Intuition und Haltung aus dem Dilemma ihrer Wertigkeit gerissen werden, umgeformt und konserviert in einer Welt der Möglichkeiten.

 

 

 

 

Claus Prokop: Videohead (2011)

Claus Prokop

 

Die kinetischen Objekte Claus Prokops entstehen alle aus Reststücken technischer Geräte, im Normalfall gibt es immer zuerst die Teile, und daraus entstehen die Ideen. Im Sinne des afrikanischen Künstlers Romuald Hazoumé, der über seine Skulpturen einmal sagte: "Ich sehe den Dingen an, was sie werden wollen."

 

Der Videokopf der Arbeit "Videohead"entstammt einem VHS-Rekorder, der, nicht nur weil er defekt ist, jeden Wert verloren hat. Als Teil dieses Objekts erhält er eine neue Funktion und kann wieder Geschichten erzählen.

 

Tiangong 1 (2012) (= Himmlischer Palast 1) ist Teil einer Serie von Objekten zum chinesischen Raumfahrt-Programm. China hat eine Geschichte von Raketen, die ins 15. Jhdt. zurückreicht, einige Quellen sprechen von erfolgreichen Flugversuchen schon vor 2500 Jahren. Dennoch haftet dem chinesischen Raumfahrtprogramm der Nimbus des Nachzüglers an. Ein poetischer Aspekt besteht auch darin, dass das kommunistisch-atheistische China seine Raumschiffe "Shenzhou" (= das Göttliche Schiff) nennt.

 

 

Leo Schatzl: Gravitationskollaps I., Installation (2000) © Leo Schatzl

Leo Schatzl

 


"… Gemenge der Sinne

Die Arbeit Gravitationskollaps (2000) ermöglicht ein haptisches Spiel mit der alltäglichen Festlegung der Welt in beständige Gegenstände und stabile Räume. Gegen die Sichtbarkeit stabiler Objekte gibt 'Gravitationskollaps' an, was als nicht stillgestellte, nicht festgestellte Bewegung sich der Sichtbarkeit entzieht. Die oszillatorische Bewegung ist jedoch nicht nur ein visuelles Ereignis, sondern durchdringt auch unsere Objektwahrnehmung. Diese Bewegung des Erzitterns ist multimedial, insofern sie mehrere Sinne zugleich erfasst. Sie zeigt nicht nur die Unschärfe des visuellen Bildes an, sondern gleichermaßen eine akustische Grenze des Objektes, die im surrenden Umherschwirren als ein minimales Geräusch auftritt. Die raumgreifende Beweglichkeit verleiht dem Kunstobjekt den Status eines Ereignisses, das sich an der Grenze von innen und außen abspielt. Der in Bewegung versetzte Kunstkörper als ein nicht mit sich selbst identisches Resultat wird zum eigentlichen Ereignis und im Prozess seiner Oszillation zum Medium einer rätselhaften Wahrheit: nämlich, dass Form und Inhalt eins sind. Diese Grenze ist als Umgrenzung selbst nicht mehr sichtbar, als vanishing point sind die starren Oppositionen von innen und außen etwas, das die Kunstwahrnehmung als unsere eigene Leiberfahrung selbst durchzieht …"

aus: Medium, Spur, Ereignis (2005) von Ramón Reichert

 

Fabian Seiz: Die Sicht der Dinge (2011)

Fabian Seiz

 

Die Sicht der Dinge

 

Die Schatulle - ein Zeichen für private Schätze, für eine Sammlung an Dingen mit Geschichte - ein Versteck.

Das Geheimnis liegt im Inhalt. In diesem Fall offen und verschlossen zugleich.

Offen der Speicher, außen halb fertig - innen Spielkarten, die nur für sich selbst ihren Wert kennen. Das Blatt eben doch nicht in der Hand.

Die Untersicht = Einsicht haben nur die Dinge selbst.

(Fabian Seiz)

 

 

 

Kurzbiografien

 

Gelatin besteht aus vier Künstlern, die sich 1978 als Kinder in einem Sommercamp trafen. Seit damals spielen und arbeiten sie zusammen. Seit ca. 1993 treten sie als professionelle Künstlergruppe auf.

 

Alexander Glandien, geb.1982 in Schwerin (D), lebt und arbeitet als Künstler und Universitätsassistent für Experimentelle Gestaltung in Linz. Seit Abschluss des Studiums an der Hochschule Wismar (D) folgten Atelierstipendien in Graz und Malo (IT) sowie zahlreiche Ausstellungsprojekte.

 

David Moises, geb. 1973 in Innsbruck, lebt und arbeitet in Wien. 1995-2002 Studium an der Kunstuniversität Linz und 1998-99 an der Humboldt Universität Berlin. David Moises "baut bewegliche Objekte, die oft auch benutzbar sind". Vor allem mechanische Gegenstände faszinieren ihn, z.B. Fahrzeuge aller Art.

 

Sandra Li Lian Obwegeser, geb. 1981 in Rum/Tirol, lebt und arbeitet in Linz. Seit 2007 Studium der bildenden Kunst an der Kunstuniversität Linz, 2011-2012 Studium an der Hogeschool Sint Lucas Antwerpen. Ihre Arbeiten zeichnen sich vielfach durch zufällig entstehende und unbeabsichtigte Zusammenhänge aus, die gerne zu unerwarteten Schlüssen (ver)führen. In ihren künstlerischen Arbeiten gelten andere Regeln als im Alltag, dadurch werden die verwendeten Alltagsgegenstände einer inhaltlichen (Um)wandlung unterzogen.

 

Edith Payer, geb. 1975 in Wolfsberg, lebt und arbeitet in Wien und Redlschlag. 1998 - 2003 Akademie der bildenden Künste Wien. Ihre künstlerische Praxis beinhaltet vor allem objektbezogenes und installatives Arbeiten mit Textilem und Found Footage. 2007 begann sie mit der digitalen Fotosammlung FACES. (siehe www.edithpayer.com)

 

Claus Prokop, geb. 1966 in Klagenfurt, lebt und arbeitet in Wien. Studium der Architektur an der TU Wien (Diplom 1992), Studium der Malerei an der Akademie der bildenden Künste Wien und an der Cooper Union New York (Diplom 1997). Prokop konzentriert sich in seiner künstlerischen Arbeit darauf, die Möglichkeiten unterschiedlicher Medien auszunutzen und zu einem inhaltlichen Loop zu verbinden.

 

Leo Schatzl, geboren in Obernberg am Inn (OÖ.); lebt seit 1987 als freischaffender Künstler in Wien. 1980-1987 Studium an der Kunsthochschule in Linz; zahlreiche freischaffende Tätigkeiten in den Bereichen Objektgestaltung, Visuelle Kommunikation und Video. Seit 1992 Lehraufträge an der Kunstuniversität Linz. Hauptsächliche Arbeitsgebiete: interdisziplinäre Rauminstallationen, Objektgestaltung, bildgebende Medien.

 

Fabian Seiz, geb. 1975 in Wien, lebt und arbeitet in Wien. 1993-1999 Studium an der Akademie der bildenden Künste Wien, Meisterklasse Damisch.