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I HAVEN´T BEEN TO PARIS IN 1952

7. Juli 2020 @ 15:00 - 31. Juli 2020 @ 23:59

Martin Bischof Julia Gutweniger Sabine Jelinek Monika Pichler

Ausstellungseröffnung:
Dienstag, 07. Juli 2020, 19.00 Uhr

Ausstellungsdauer: 08. Juli – 31. Juli 2020, Öffnungszeiten: Di – Fr: 15.00 – 18.00 Uhr

Brigitte Felderer

Eröffnungsrede, anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „I HAVEN´T BEEN TO PARIS IN 1952“, am 7. Juli 2020, Maerz Galerie Linz

„I HAVEN´T BEEN TO PARIS IN 1952“ – 1952 war ich nicht in Paris, behauptet die Ausstellung in ihrem Titel. Das mag natürlich stimmen und durchaus richtig sein, doch wer diese Ausstellung besucht, wird schließlich in Paris gewesen sein, jetzt und auch schon 1952.

Wenn nun gleich, um 19 Uhr 52 nämlich, Julia Gutweniger die Zeitrechnung im Sinn des Wortes anrufen wird, lassen sich die Ziffer 19 und die Ziffer 52 als ein Nummerncode, als eine Zahlenformel vernehmen, eine gleichsam magische Ansage, die eine Minute des Tages wie ein ganzes Jahr vergegenwärtigt, herholt, und das Wochenende in Paris, das Martin Bischofs Zeichnungen gewissermaßen dokumentieren, nimmt seinen Lauf, vollzieht sich in den Zeichnungen, in einer Erinnerung an nie und immer schon Dagewesenes.

Jeden Abend – während der Dauer der Ausstellung, jedoch außerhalb der Öffnungszeiten – ließe sich erfahren, dass wir acht vor acht 59 Sekunden lang im Jahr 1952 gewesen wären. Und ja, Zahlen, Ziffern und Nummern mögen festlegen, dass es sich für die meisten hier kaum ausgegangen wäre schon 1952 in Paris gewesen zu sein und doch gehen alle hier gezeigten Projekte auf die Reise: aus Linz nach Paris und aus Paris nach Linz.

Monika Pichler lässt in ihrer Arbeit das Ausstellungspublikum durch Paris flanieren, Zeitebenen schichten sich neu, Erinnerung verlebendigt sich an den hier präsentierten „Nature Morte“, dynamisiert sich in skulpturalen Stillleben zu Bewegung. In Pichlers Traumsequenzen verbinden sich Erinnertes, Erwünschtes, Zurückgelassenes und Reales in einer unendlichen Kombinatorik. Eine Bilderflut, die zugleich die Überforderung festhält, die dichte Städte auf uns Flaneur*innen ausübt, die uns verzaubert – diese Überforderung, der wir uns auf unseren inneren und äußeren Reisen gewollt aussetzen, um in ein städtisches Flirren einzutauchen. Diese Bilder verbinden sich zu einem Archiv von Eindrücken, Träumen und Projektionen und schon sind wir mit Monika Pichler in Paris, vielleicht 2018, aber das Telefon wird behaupten: Neunzehnzweiundfünfzig.

Mit Sabine Jelinek tauchen wir in einen filmischen „Stream of Consciousness“ ein, „Erinnerungsfetzen“ ergeben neu zusammengesetzte Texturen des Gedächtnisses, das an die Oberfläche des Bewusstseins dringt und drängen mag, und sich dabei zu neuen Bildern transformiert, die Ihnen in der und über die Ausstellung hinaus weiter durch den Kopf tanzen werden. Sabine Jelinek rekonstruiert Renoirs berühmten Blick auf das Geschehen bei den Galette-Mühlen am Montmartre in fotografisch-technischer wie maßstäblicher Präzision, und setzt ein Bild frei, das in seinen unendlichen Vervielfältigungen längst zu einem von vielen Paris-Klischees geronnen war. All die Reisenden, die heute dort sitzen und ihre aktuellen Parisbilder mit ihren Vorerinnerungen an diese Traumstadt abgleichen, wissen vielleicht gar nicht (mehr), warum sie ihren Kaffee dort trinken wollten, was den Genius loci, den Spirit dieses Ortes ausmacht.

Unsere Erinnerung richtet sich aus, ordnet sich anhand von Zahlen, Worten und Bildern, unsere Erinnerung ist nicht von Dauer und ändert sich ununterbrochen. Und mit diesen hier gezeigten künstlerischen Arbeiten erinnern wir uns genauso auch an nie selbst Erlebtes, niemals selbst Erfahrenes.

Die hier gezeigten Fotografien und Zeichnungen, Gehörtes und dann Ungehörtes, bieten uns als die Medien, um die es sich ja immer auch handelt, die Möglichkeit, uns von Ordnungen, Datierungen und Begrenzungen zu lösen. Diese Erinnerungsstücke und -spuren eröffnen Vorstellungsräume, die sich durchaus teilen lassen, wir flanieren durch die Träume anderer, die bei all ihrer Eigenart, ihrer Intimität, so gleichsam zu öffentlichen Plätzen werden.

In diesem Sinne erlebe ich diese Ausstellung nicht allein in diesen besonderen Monaten als eine künstlerische Behauptung von Freiräumen.

Diese Fiktionen verweisen uns auf die Realität, verweisen uns auf die grundlegende Frage danach, wo wir denn sein wollten, wenn nicht in Paris, 1952? In welcher Stadt wollen wir leben, welche öffentlichen Räume sind wir bereit mit wem zu teilen? Welche Bilder haben wir von unserer inneren Stadt? Ist es eine globale Stadt, in der das Motto gilt: Shop until you drop? Ist es das Dorf in der Stadt? Ist es eine Stadt, die wir benutzen wie eine Service-Einrichtung, um dann weiterzuziehen, wenn sich Bedürfnisse ändern? Oder soll es eine sozial nachhaltige Stadt sein?

Unsere Träume und Wünsche kommen aus einer zurückliegenden Zukunft, die Erinnerung dreht sich, Zeiger drehen sich wie Mühlräder – oder stehen auch still.

Künstlerinnen und Künstler waren immer auch Reisende, geschult durch immer neue Eindrücke, durch neue Blicke, die letztendlich in unser aller Erinnerung hineinfinden, uns nach Paris holen und uns auch klarmachen, dass sich Sehnsuchtsorte – indem man meint sie aufsuchen zu müssen – so zugleich verschwinden, sich auflösen.

Und ja, klar, wir sind nicht in Paris und sind es doch, wir sind in Linz und sind es auch wieder nicht und wir sehen uns wieder, in dieser unserer gemeinsamen Erinnerung an eine tolle und wichtige Ausstellung!

 

Ausstellungsansichten: “I haven´t been to Paris in 1952” Fotograf: Martin Bilinovac

Bild Oben: Einladungskarte “I HAVEN´T BEEN TO PARIS IN 1952”, MAERZ. Entwurf: Sabine Jelinek

Details

Beginn:
7. Juli 2020 @ 15:00
Ende:
31. Juli 2020 @ 23:59
Veranstaltungskategorie:

Veranstalter

Maerz Galerie
Telefon:
+43 732 77 17 86
E-Mail:
galerie(at)maerz.at

Veranstaltungsort

Maerz Galerie
Eisenbahngasse 20
Linz, Oberösterreich 4020 Österreich
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