MAERZ Literatur: |
linzer notate 4/07 |
ein literarischer Abend |
Sonntag, 18. November 2007, 19.30 Uhr |
mit |
Florian Huber, Birgit Kempker und Ulf Stolterfoht |
SPRÜNGE, BRÜCHE, RISSE oder:
Zu den im Übertrag von Erfahrungen in Literatur entstehenden Rissen (Huber), zu manch schroffen Brüche im Entlangdenken an den Grenzen von Name und Ding (Stolterfoht) und in ein alles bestimmendes Als-Ob und seine jederzeit möglichen metamorphotischen Sprünge (Kempkers Peter Pan) führt dieser 84. Abend der linzer notate.
KEMPKERS Metamorphosen siedeln in ihrer entschlackenden „Nachersetzung“ von J. M. Barries Peter Pan im Reich des Möglichen. „Im möglichen Raum ist alles eine Neigung, deshalb ist er unmoralisch und eigenartig“, schreibt sie im Nachwort (und Pans „Nieland“ ist ein Land des nur Vorgestellten, in dem Pan selbst wiederum zum Unmöglichen wird).
In STOLTERFOHTS ethnologischem Langgedicht holzrauch über heslach (erschienen wie Kempkers Peter Pan bei Urs Engeler) erweist sich die Fiktion ebenso als verwässert wie Faktizität als „schleiernd“: Die „heslacher neun“ (neun Anrufungen eines konstruierten Damals) erscheint in diversen „darreichungs-formen“. Angesiedelt zwischen einem eigenen Soziolekt und diversen Rockgruppen wird die Chronik eines Clans und seiner Auflösung entworfen.
Der junge Autor Florian HUBER wiederum öffnet im Übertrag von Erfahrungen in Literatur den Blick auf Verschiebungen und konzentriert sein Interesse u. a. auf die „Kahlstellen“ der dabei entstehenden Texturen.
Florian Huber, geboren 1981 in Linz, lebt in Wien. Der bereits seit 1997 literarisch tätige Autor wurde 2000 mit dem Rimbaud-Preis für junge Literatur der Tageszeitung "Der Standard" ausgezeichnet. Seit 2001 studiert er in Wien und ist tätig als Wissenschaftler, als Rezensent ("wespennest"), als Lektor (Czernin-Verlag) und auch als Autor. Textproben erschienen bislang in einigen Literaturzeitschriften ("Die Rampe", etc.).
Die Augen öffnen sich nicht. ich habe angst, gestochen zu werden.
[…]
Sie trägt jeans und eine strickjacke. ihre haut ist kindlich, sie benutzt glitzer-make-up.
ich glaube nicht. das passt nicht zu ihr.
entscheidend ist doch, dass sie erkennbar bleibt.
(aus dem Manuskript „Bohrmilch“)
*
Birgit Kempker, geboren 1956 in Wuppertal, lebt in Basel. Von der seit Mitte der 1980er-Jahre publizierenden Autorin erschienen Bücher zuletzt bei Droschl in Graz (dort zuletzt Meine armen Lieblinge. Altes Ego adieu, 2003), und bei Urs Engeler Editor in Basel, dort zuletzt nach der gemeinsam mit Robert Kelly gefertigten ‚Kollaboration’ Scham / Shame (2004) nun aktuell in diesem Herbst Peter Pan, nachersetzt von B. K.
„Pech, Schwefel und Galle, ich jag dir den Anker ins Herz.“
„Wenn du Hook bist, wer bin ich?“
„Ein Stockfisch.“
Ein Stockfisch. Hooks Stolz war gebrochen.
„Gehorchen wir einem Stockfisch?“, fragten seine Männer.
Die Hunde schnappten nach ihm. Sein Ich schlitterte weg.
„Verlass mich nicht, Mistkerl“, sagte Hook zu sich selbst.
(aus: Peter Pan, nachersetzt von B. K.)
*
Ulf Stolterfoht, geboren 1963 in Stuttgart, lebt in Berlin. Seit Ende der 1990er-Jahre erschienen mehrere Gedichtbände, insbesondere in seinem Stammverlag Urs Engeler Editor: fachsprachen I - XVII (1998 - 2004); wie man seine art gewinnt, Übertragung von G. Steins Winning His Way (2005) und aktuell in diesem Herbst holzrauch über heslach.
gestörtes hirn war trumpf. und noch zwanzig jahre bis grunge.
so ergriff man den stumpf und harrte geduldig der faltung.
doch auch ohne lief vieles nach wunsch: bierdenken simulierte
den lyrischen exzeß. nahm ihn vorweg, statt niederschrift tag-
tägliche drift. halte dies walten für münze, stanze aus fransen
den pansen, den satz – dr. hook nimmt dich mit auf die reise.
(aus: holzrauch über heslach)
[Konzept: Christian Steinbacher]
Wir danken BMUKK, Land OÖ, Stadt Linz, GAV und Pro Helvetia

