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LINZER NOTATE 3/07

Motiv aus der Sequenz "Gedenkschrift für den Yangtse" von Jappe/Fischer

MAERZ Literatur:

linzer notate 3/07

ein literarischer Abend

Montag, 10. September 2007, 19.30 Uhr

mit

Florian Neuner, Sabine Scholl und einem Autorenfilm in Erinnerung an Georg Jappe

FERNOST-BEGEGNUNGEN: ALLTÄGLICH, GEFFILTERT, ORGANISCH: Begegnungen mit China und Japan geben den Rahmen für diesen 83. Abend der linzer notate mit zwei Lesungen und einem Filmausschnitt.

     Mit einem Blick auch auf die Alltagsprobleme eines Lebens als global player beschreibt  die in Oberösterreich geborene kosmopolitische Autorin Sabine Scholl in ihrem Essay-Band Sprachlos in Japan die kulturellen Differenzen, die sie in Japan erfahren hat.

     Florian Neuner nähert sich in den Anläufen seiner Montage China Daily einem aktuellen China-Bild, das sich großteils aus zitiertem Material zusammensetzt; sein Blick gilt dem Offenlegen der Gelenktheit getroffener Aussagen und den Spuren der Instrumentalisierung.

     Von einem anderen, zeitlosen China erfahren wir in der Sequenz „Gedenkschrift für den Yangtse“ des Autorenfilms Der fließende Turm von Georg Jappe (1936–2007) und Lili Fischer. Der Film wird gezeigt in Erinnerung an den heuer verstorbenen Dichter, Kritiker und Ornithopoeten, der seine Reisen in entlegene Gebiete u.a. auf der Suche nach einer Schrift der Natur unternahm.

 

Georg Jappe, geb. 1936 in Köln, gestorben 2007 in Kleve, lebte in Köln, Hamburg und Kalkar-Wissel. Jappe lehrte Ästhetik an der HfbK in Hamburg, war Kritiker und Poet. Seine Ornithopoesie realisierte er akustisch (zuletzt: Die Vogelweissagung, CD, ORF 2003) und visuell (zuletzt der Katalog Aus erster Hand, mit Lili Fischer), daneben beschäftigter er sich auch mit Haiku (zuletzt: Aufenthalte. Ein Haibun; Matto Verlag Köln). Mit der Hamburger Künstlerin Lili Fischer dokumentierte er gemeinsame Reisen als Künstlerbücher (zuletzt: Torfes Träume, 2004) und als Film (Der fließende Turm).

 

Schwäne vor Gewitter

das Boot wird Mumie

Juchzen unter der Wachshaut –

 

(aus: Aufenthalte. Ein Haibun)

 

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Florian Neuner, geb. 1972 in Wels, lebt als Autor und Journalist in Berlin und Bochum. Zuletzt erschienen von dem Mitglied der Künstlervereinigung MAERZ Bücher im Ritter Verlag (Jena Paradies, 2004; Zitat Ende, 2007) und China Daily in der kleinen idiomatischen Reihe/kiR.

                                                                                                   

Das Ministerium will die Heuschecken bis Samstag unter Kontrolle haben. Die Worte zielen weniger auf das Aussprechen von Sachverhalten, über die Verständigung stattfindet, als vielmehr auf Verhaltensanweisungen. Fahrern, die sich über die Verkehrsregeln hinwegsetzen & rücksichtslos fahren, die betrunken oder ohne Fahrerlaubnis erwischt werden, drohen harte Strafen. Lange Fahrten mit dem Taxi. Es gibt zwar Zebrastreifen, aber kaum ein Autofahrer beachtet sie. Der anarchische Verkehr scheint anders als in Süditalien vollkommen unberechenbar. In Palermo kann man trotz allem über die Straßen gehen. Hier nicht. In den Städten sollen Anstrengungen unternommen werden, das Verkehrschaos zu bekämpfen, das von Fußgängern & Radfahrern ausgelöst wird. Wenn man die Beschreibung durch die Sprache verlässt, entsteht Chaos. Nach sintflutartigen Regenfällen in mehreren Teilen Chinas sind neun Menschen tot & mindestens 27 vermisst.

(aus: China Daily)

 

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Sabine Scholl, geb. 1959 in Grieskirchen, lebt nach Aufenthalten in Aveiro, Chicago und New York seit 2003 in Berlin. Seit den frühen 1990er-Jahren erschienen zahlreichen Bücher, zuletzt u.a. 2000 ihr Roman Die geheimen Aufzeichnungen Marinas (Berlinverlag), 2003 und 2004 „literarische Streifzüge“ durch New York und durch Lissabon (Lissabonner Impressionen, Artemis und Winkler) und 2006 der Essayband Sprachlos in Japan (Sonderzahl).

 

Sogar der Gehsteig ist mit Zeichen bedeckt, die den Lauf der Menschen organisieren. Als europäischer Fußgänger bin ich nicht gewohnt auf Bodenmarkierungen zu achten, kenne nur Zebrastreifen und Radfahrwege. Hier aber, wo derart viele Menschen durch die enge Straße geschleust werden, ist es wichtig, nicht nur nach vorne und zur Seite zu schauen, sondern auch zu Boden.

Am Bahnsteig soll man sich an genau bezeichneten Wartestreifen, an denen man den Eingang zum entsprechend nummerierten Waggon erkennt, aufreihen. Wer zuerst dasteht, darf zuerst einsteigen. Kleine Aussparungen nahe am Gleis sind für den Regulator in Uniform vorgesehen, der dafür sorgt, dass das Ganze gut funktioniert. An der U-Bahn morgens die Ordner mit ihren Stäben, mit denen sie die Menschen in die vollen Züge stopfen und davon abhalten noch einzusteigern. Wie Teig, den man in eine Schüssel streicht.

(aus: Sprachlos in Japan)

 

[Konzept: Christian Steinbacher]

 

Dank an: BKA, Land OÖ, Stdt Linz, GAV