MAERZ Literatur: |
linzer notate 1/07 |
ein literarischer Abend |
Freitag, 19. Jänner 2007, 19:30 Uhr |
mit |
Lucas CEJPEK, Ann COTTEN und Michèle MÉTAIL |
TEXTFAHRPLÄNE, QUERE LESART, ENDLOSMODULATION oder:
Immer wieder umzusteigen gilt es in den thematischen Bündelungen einer analog zu einem U-Bahn-System angelegten Textfolge. Das jüngste Buch des stets konzeptbetont arbeitenden Autors Lucas Cejpek ist zudem der Versuch einer kleinen literarischen Soziologie der Welt der U-Bahn. Eine andere Bewegung geben die „Donauverse“ von Michèle Métail: Wort für Wort und Vers für Vers unterstehen einem strengen Bauplan und sind stets klar von einander abgesetzt, in der Endstufe des mündlichen Vortrags entsteht jedoch ein Perlen, Fließen und Strömen. Die junge Autorin Ann Cotten interessiert an Konzepten dagegen am meisten der Fehler, der Bruch. Sie unterzieht den tradierten Formenkanon einer frischen Neu-Schnürung und auch Störung und versucht Welt und Situationen möglichst „quer“ zu lesen.
Der U-Bahn-Passagier ist kein Reisender. Bei der Ankunft überkommt mich keine Erleichterung. Ich bemerke nicht einmal, dass ich angekommen bin, weil ich keine Abenteuer bestanden habe. Ich war keinen Strapazen ausgesetzt. Ich habe keine fremden Eindrücke zu verarbeiten. Ich konnte mich nicht verirren.
(aus: Dichte Zugfolge)
Bis schuhbändig zerstreute ich den Strand,
so lange wär es her, das grade Ende
verklammert eingeschrieben los ich band
wie nix und unter Tiefen dir und wer sie fände,
soll unter Wasser dir dein Haar zu binden.
Als hätte meine dich Vernunft erreicht
kann Schiffe man vorüber jetzt passieren sehn,
wo früher knapp entkommen oder wilder in den
Haaren deiner Freundinnen gekentert. Bist geeicht,
so will auch ich unangehängt vorübergehn.
(aus dem Sonett „Komparator, bei Vernunft“ der Fremdwörterbuchsonette)
0001 der Anfang *****
0002 die Schwierigkeit des Anfangs ****
0003 der Grad der Schwierigkeit des Anfangs ***
0004 der Winkel des Grads der Schwierigkeit des Anfangs **
0005 die Messung des Winkels des Grads der Schwierigkeit des Anfangs *
0006 das Gerät der Messung des Winkels des Grads der Schwierigkeit des Anfangs
0007 der Schuppen des Geräts der Messung des Winkels des Grads der Schwierigkeit
0008 die Flechte des Schuppens des Geräts der Messung des Winkels des Grads
0009 die Ausbreitung der Flechte des Schuppens des Geräts der Messung des Winkels
0010 die Seuche der Ausbreitung der Flechte des Schuppens des Geräts der Messung
(aus: 2888 Donauverse)
Lucas Cejpek, geb. 1956 in Wien, lebt in Wien. Der auch als Theater- und Hörspielregisseur tätige Autor publizierte Prosa, Essays und Gesprächsbücher, zumeist verlegt bei Sonderzahl (dort zuletzt: Keine Namen, 2002). 2006 erschien in der Edition Korrespondenzen das U-Bahn-Buch Dichte Zugfolge.
Ann Cotten, geb, 1982 in Ames (Iowa), lebt seit 1987 in Wien, seit 2006 in Berlin. Nach ersten Publikationen in diversen Anthologien und Literaturzeitschriften (u. a. Die Rampe 3/00, Zwischen den Zeilen 24, Schreibheft 67) erscheint im Frühjahr 2007 bei Suhrkamp ihr Band Fremdwörterbuchsonette.
Michèle Métail, geb. 1950 in Paris, lebt in Lasalle und zeitweise in Ostasien. Métail konzentriert all ihr Tun auf ein Erkunden von Sinnesgrenzen; im Zentrum ihrer literarischen Arbeit steht die „mündliche Dichtung“ (s. o.). Auf Deutsch erschienen im DAAD-Programm Gehen und Schreiben. Gedächtnis-Inventar (2002) und in der Edition Korrespondenzen neben einer Arbeit für den von Birgit Pölzl herausgegebenen Sammelband Himmel (2003) der Band 2888 Donauverse (2006).
[Konzept: Christian Steinbacher]
Dank an: BKA, Land OÖ, Stadt Linz, GAV
